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2021 - Fridolin als Sprungbrett

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Im Frühjahr 2021 bat mich eine junge Frau, eine Reportage über meinen Laden schreiben zu dürfen. Einen halben Tag war sie eine aufmerksame Beobachterin und schrieb sich die Finger wund. Der wirklich schöne Artikel öffnete ihr die Tür zu einer renommierten Journalistenschule.
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Authentische Artgenossen - Vom Leben mit Tieren

Tiere sollen Begleiter für Menschen sein. Darum sorgt sich Stephan Wulfhorst seit 36 Jahren im Berliner “Zoo Fridolin”.

Leuchtend orange Angst lugt aus dem winzigen Pappkarton. Es ist Anfang April — und wieder muss es sein: Einmal im Jahr werden dem kleinen Kanarienvogel die rundlich scharfen Krallen im Berliner Zoohandel Fridolin geschnitten. Ladeninhaber Stephan Wulfhorst trägt dafür eine eng ansitzende schwarze Lupenbrille, die unter seiner OP-Maske sofort beschlägt. Vorsichtig hält er den zitternden Vogel in der Hand. Acht Mal knipst es. Fertig. Endlich zurück zum Besitzer, seinem Nachbarn. “Kostet nix für dich, Habibi”, ruft Wulfhorst ihm zu.
Der 62-jährige trägt grau-schwarze Schuhe, eine verblichene schwarze Hose und ein schwarz-weiß kariertes Flanellhemd. Dreißigjährige Männer würden es Holzfällerhemd nennen, dazu einen man bun tragen und größtmögliche Lässigkeit performen. Wulfhorst trägt über seinem Hemd eine ausgewaschene Wollweste.
Auf wenigen Quadratmetern stapeln sich dutzende Dinge bis unter die Decke: Käfige, Katzenklos, Keramiknäpfe. Abgepacktes Heu und Spielzeug reihen sich neben Meisenknödeln ein. Es riecht nach Trockenfleisch. An den kaum noch sichtbaren Korkwänden hängen vergilbte Zettel und handgeschriebene Preislisten. Das schummrige Licht fällt auf die cremefarbene mechanische Waage, die hier “schon seit den 80ern” auf dem Tresen steht, sagt Wulfhorst.
Seit 1985 führt der Wahlberliner seinen Laden in Charlottenburg. Und das, obwohl er “am Anfang nicht mal wusste, wie ein Hamster aussieht.” Wulfhorst lacht. “Ich wollte einfach nur aus Münster weg.” Zu spießig, zu katholisch sei seine Geburtsstadt für ihn gewesen. Erst eine Ausbildung zum Buchhändler, danach drei Jahre Uni. Gescheitert sei er an seiner eigenen Faulheit. Aus Geldnot habe er anschließend für ein Jahr nebenan im Kartoffelladen gearbeitet. “Aber das kannst Du nicht ein Leben lang machen. Sonst wirst du selbst zur Kartoffel.”
Mit viel Weißbier und wenig konkreten Zukunftsplänen saßen er und ein Freund abends zusammen. “Wir haben uns köstlich über die Idee amüsiert, uns selbstständig zu machen.” Im Scherz habe er dem damaligen Besitzer des Zoogeschäfts vorgeschlagen, er könne ihm ja den Laden abkaufen — und genau das geschah. “Ich hatte keine Pläne oder Ziele. Das hat sich alles einfach gefunden”, sagt Wulfhorst.
“Hallo Fridolin” schallt es durch den Laden. Ein weißhaariger Mann, Typ Didi Hallervorden, tritt ein und ruft: “Du, ick brauch Meisenknödel. Haste welche?” “Ohne Ende. Hast du deine Tüte wieder mitgebracht?” “Na kla. Die heb ick doch auf. So, hab ick allet. Bis bald, Fridolin”, sagt er und rundet beim Bezahlen auf. Wulfhorst öffnet ihm die Türe mit einem selbstgebauten Seilzug, der quer unter der Decke verläuft. Bei Zoo Fridolin kehren nicht nur die Tüten zurück, sondern vor allem seine Stammkunden.
Was Tiere besser können als Menschen? Wulfhorst muss keine Sekunde überlegen. “Sie leben total in der Gegenwart. Und sie sind absolut authentisch. Das haben wir Menschen verloren”, sagt er und träufelt Sonnenblumenöl in eine graue Waschwanne voller Haferflocken und Erdnüsse.
Die Glocke an der Eingangstür schellt. Eine Frau tritt ein. Sie trägt eine Pickelhaube mit integrierter Sonnenblende auf dem Kopf, dazu einen schwarzen Wollrock und einen buschigen Fellkragen. Um ihren Hals hängt ein glänzendes türkisfarbenes Schloss, aufklappbar wie ein Bauchladen. Stolz verkündet sie: “Hab ick allet selbst jemacht. Was issn mit den Vögeln?” “Ich habe einen Graupapagei zur Pflege da”, sagt Wulfhorst. “Na den will ick nich sehn.” “Kriegste auch nicht.” Wulfhorst schüttelt lachend den Kopf, als die Frau den Laden verlässt. “Ich mag verrückte Leute. Die sind ja meistens auch recht authentisch.”

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